Texte aus dem Tauschring-Leben

 

  • Brief unseres Mitglieds Reingard Habel an den Sonthofener Bürgermeister Buhl, in dem anschaulich das System Tauschring erklärt wird. (siehe unten)

  • Artikel im Allgäuer Anzeigeblatt vom April 2007 über unseren Tauschring   lesen ...


 


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Buhl,

beim Stadtfest am letzten Samstag sind Sie auf Ihrem Rundgang an unserem Infostand stehen geblieben und haben sehr interessiert und aufmerksam zugehört, als wir Ihnen die Existenz und das Funktionieren eines „Tauschrings“ erläutert haben. Wir schließen daraus, dass das für Sie und Herrn Landrat Kaiser absolutes Neuland ist, und weil die Verständigung aus Gründen der Akustik so unglaublich mühsam war, haben wir das Bedürfnis, etwas „nachzutreten“ und Sie über Dinge zu informieren, die nicht im Faltblatt stehen (können).

• Tauschringe gibt es seit 1982 (weltweit inzwischen 2600 ) also nicht erst seit unserem wirtschaftlichen Desaster ( Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Stellenabbau) und die damit verbundenen Begleiterscheinungen in unserer Gesellschaft.

• In einem Tauschring werden Leistungen ausgetauscht: Putzen, renovieren, Computer installieren, Fahrdienste übernehmen, Fremdsprachen beibringen, Obstbäume schneiden…Das Besondere daran ist: Im Tauschring ist jede Leistung gleich viel wert – entscheidend ist der Arbeitsaufwand = die aufgewendete Zeit. Dabei macht es keinen Unterschied in der Bewertung, ob ein Informatiker, ein Künstler oder eine Putzfrau diese Zeit aufwendet.
Davon profitieren natürlich Menschen die an der Wohlstandsgesellschaft nicht teilnehmen und wohlhabende und talentierte Menschen finden hier eine soziale Aufgabe – und glauben Sie ja nicht, dass letztere z. B. nicht froh sind , jemanden zu haben, der den defekten Wasserhahn repariert oder die Spuren eines Festes beseitigt.

• In einem Tauschring darf man auch Leistungen anbieten, für die man keine berufliche Qualifikation hat, dafür aber durch Erfahrung erworbene Kenntnisse besitzt. (Hobbymusiker engagiert man zu Festen, Muskelmänner braucht man zu Umzügen, Auslandserfahrene informieren unerfahrene Reisewillige, Ökogärtner beraten Häuslebauer beim Gartenanlegen)
• In einem Tauschring ist keiner unqualifiziert. Jeder hat bestimmte Talente mit denen er „arbeiten“ kann und jeder hat 24 Stunden Zeit pro Tag. Auch wer wenig „Geld“ besitzt, kann sich eine Massage leisten, oder das Renovieren der Wohnung „bezahlen“ – also ein Arbeitsmarkt, wie er sein sollte. Angebote und Nachfragen sind in der vierteljährlich erscheinenden Zeitung zu erfahren, oder auch bei den monatlichen Treffen.

• Es gibt Tauschringe (z. B. in Vorarlberg) die schon mehr Erfahrung haben als wir : In ihrem Ring sind Einzelhandelsgeschäfte und Restaurants eingebunden, der private Fahrdienst zu Kindergarten und Schule wird über den Tauschring abgewickelt und man denkt inzwischen darüber nach, durch „jetzige“ Leistungen sich ein Konto anzulegen, über das man im Alter verfügen kann: d. h. Hilfe dann in Anspruch nehmen zu können, wenn man sie braucht z. B. Essen auf Rädern, Fahrdienste etc.


So weit sind wir in unserem Ring noch lange nicht aber wir arbeiten daran, d. h. damit es mit der „Tauscherei“ auch wirklich „rundgehen“ kann, brauchen wir Menschen aus allen Bereichen, mit möglichst vielen und vielseitigen Angeboten und Nachfragen. Um die zu finden, haben wir uns auf dem Stadtfest „präsentiert“.

Ach ja, und noch etwas: Durch eigene Arbeit verdientes Geld schmeckt besser und ist für die Seele gesünder als Zuweisungen von Ämtern und Behörden (für die meisten jedenfalls).
Deshalb wird in Australien den Arbeitslosen der Beitritt zu einem Tauschring empfohlen - auf Veranlassung der Krankenkassen. Denn wer sinnvoll arbeitet, ist gesünder – weiß man.

Herzlichen Gruß!


Reingard Habel
Für TROJA
„ Tauschring Oberallgäu“